Viele Fliegen mit einem Schlag: Arbeit erledigt und wichtige Einblicke in das Pferdeleben gewonnen
Nun schon einige Jahre so geregelt, im
langen Vergleich für uns ältere Semester im Sattel aber noch neu ist es, dass
diejenigen, die einen Maturabschluss oder einen ähnlichen Fachabschluss
anstreben, nun eine längere schriftliche Arbeit verfassen müssen; eine Art
„Maturaprojekt mit einem schriftlichen Bericht“ eben, oder eine
„Fachbereichsarbeit“. Man kann das, zeigt die Erfahrung, als eine erste
Forschungsarbeit auffassen, je nachdem wie sehr man sich eben engagieren mag.
Als ein ganz spannendes Detail im Hintergrund der Reitertreffens im
burgenländischen Pöttsching hat sich gezeigt, dass man auch Themen aus dem
Pferdeleben bearbeiten kann. Und die Ergebnisse sind sowohl wertvoll wie auch
interessant für die pferdlich interessierte Allgemeinheit.
Eisenstadt
– Das Dressureitertreffen in Pöttsching war ja wie berichtet eine feine Sache,
schöne Veranstaltung für alle Beteiligten. Gleichzeitig aber waren die Aufgaben
als Turnerleiterin für Irina Blühberger auch das Maturaprojekt. Die
schriftliche Arbeit liegt nun vor, und es zeigt sich, dass man Pferdethemen
sehr gut dafür verwenden kann.

Irina Blühberger und der 13-jährige
holländische Wallach Latin Lover im Bewerb. Kaum ein Turnier, kaum sportliche
Veranstaltungen gäbe es in Österreich, würden sich nicht so viele ehramtliche
Helfer finden – auch das will gesehen und mal gesagt sein.
Im Fall der jungen Dressurreiterin handelt es sich um einen Abschluss an der
Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe, HLW in Eisenstadt,
einer fünfjährigen Ausbildung in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung,
Tourismus und Ernährung. Dort beschäftigt man sich mit sehr handfest wirtschaftlicher Ausbildung
und eben auch, maßgeschneidert für das Burgenland, mit dem Tourismus.
Projektmanagement im österreichischen Tourismus – das berührt ganz eindeutig
den Bereich der Pferdesportveranstaltungen aller Art. Das haben offenbar auch
die beiden prüfenden Fachlehrerinnen so gesehen und das Thema angenommen.
Ergebnis ist nun eine enorm genau und detailreich ausgearbeitete Studie, wie
man so eine Veranstaltung angeht, wie man sie abwickelt und wie zum Erfolg
führt: Von einem Budget über die Absprachen mit Behörden bis hin zur
Ausstattung und Organisation der „Futterversorgung“ für vier- und zweibeinige
Gäste reicht der Bogen der Bemühungen, die sich für ein einziges Turnier oder
eine Show ganz schnell über 8 Monate oder oft ein ganzes Jahr ziehen können.
Blühbergers
Rück-Blick auf die viele Arbeit, aber auch auf Unterstützung und Mittragen:
„Das Pferd ist ein Symbol für Freiheit, Stärke und Mut. Ich beschloss mutig zu
sein und für meine Projektarbeit ein Reitertreffen ganz eigenständig und
alleine zu organisieren. Mein Hobby ist das Dressurreiten und ich verbringe
meine Freizeit fast ausschließlich mit dem Training und habe im Laufe der Jahre
ein gutes Netzwerk zu Trainern, Richtern und anderen Reitvereinen aufgebaut.
Deshalb habe ich die sehr aufwendige Organisation eines Turniers gewagt und
erhielt sofort Unterstützung von Stallbesitzern und Einstellern. Das
Projekthandbuch das Sie nun in der Hand halten, ist das Ergebnis von zwölf
Wochen Arbeit, mit Ungewissheit, Rückschlägen und Bangen um gutes Wetter, aber
es bereitete mit neben sehr viel Arbeit auch Freude, weil ich mich voll und
ganz mit dem Thema identifizieren konnte. Ich lernte Zusammenhalt kennen und
bin sehr stolz, dass ich als jüngstes Mitglied in unserer Stallgemeinschaft so
geschätzt und respektiert werde.“ Man kann wohl nicht schöner sagen, dass
ehrenamtliches Engagement neben manchem Engpass und mancher – auch sehr
persönlicher - Enttäuschung vor allem auch ein großartiges Erlebnis sein kann!
Hat
man selbst solche Veranstaltungen schon mal auf die Beine gestellt – gelernt
Schritt für Schritt vom Hindernisrichter am Pflichttor bis hin zum
Turnierleiter durch Jahre und Mitarbeit bei wohl 20 Turnieren -, beeindruckt
praktisch jede Seite des „Handbuches“. Besonders beeindruckend zu sehen, wie
man sich auch vom Fleck weg auf einem tollen Niveau bewegen kann, die
Fachausbildung hat offensichtlich wirklich große Stärken.
Dem Dank an Stallinhaberin und
„Projektauftraggeberin“ Andrea Stagl vom Reit- und Fahrverein Pöttsching wie
auch an die projektbetreuenden Fachlehrerinnen Mag. Gisella Steindl und Mag. Ulrika Filka, das ermöglicht
zu haben, kann man sich nur anschließen!
Aber
nicht nur für Veranstaltungen aller Art, sondern rund um das Pferdeleben in
Österreich bestehen tatsächlich eine Fülle von Fragen, die eine gut aufgebaute
Beantwortung brauchen. Pferdehaltung, Verhaltensforschung, Organisationsfragen,
Ausbildungsdetails von Pferd und Sportlern - vielem könnte man nachgehen, in
den verschiedensten Fächern und oft auch fächerübergreifend. Biologie, Sport,
wirtschaftliche Fächer bieten sich an. Nötig ist es, sich mit guten Lehrern
abzusprechen. Dann kann es losgehen.
Damit
es nicht zu abstrakt formuliert bleibt: Zum Beispiel „Das Liegeverhalten von
Pferden in der Offenstallhaltung“ wäre so ein wichtiges Thema, zu dem man
bisher nur völlig widersprüchliche Antwortversuche bekommen kann, auch von
Tierärzten. Könnte in Biologie wahrscheinlich behandelt werden. „Die tägliche
Wasseraufnahme von Pferden im Jahreszyklus“, auch das wäre mal interessant zu
wissen; das zeigt sich nämlich unterschiedlich in ersten Beobachtungen, und gar
nicht so sehr abhängig von der Tagestemperatur. „Die Gruppenbildung innerhalb
des größeren Koppelverbandes“, „Wege und Pausen des Ziehens über große Koppeln
bei Tag und Nacht“ aus der Verhaltensforschung, „Fütterung von Haflingern“
könnte für eine Fachschule behandelt werden, „Die ehrliche Kostenrechnung für
ein Schulpferd“ oder auch "Was Pferde wirklich kosten müssten?" wäre was Wirtschaftliches, „Ärger und Verbesserungsvorschläge von
Anfängern nach der Grundausbildung im Pferdesport“ – das wäre was für Sport.
Und so weiter, hört man sich um, so stößt man plötzlich auf eine Vielzahl von
offenen Fragen.
Es mag ein sehr berührendes Zitat aus Blühbergers Arbeit hier abschließend stehen,
als Einladung, sich ebenso intensiv, tierorientiert und mit Engagement an
solche Themen heranzuwagen und sich nicht von den vielen Unkenrufen irritieren
zu lassen, bei Blühberger steht´s in der Einleitung: „Wenn du ein Schiff bauen willst,
dann trommle nicht die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu
vergeben und die Arbeit zu verteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht
nach dem weiten endlosen Meer.“ (Antoine de St-Exupéry)
Sehnen wir uns nach einem freundlichen, fairen Zusammenleben mit den sympathischen
Vierbeinern – und leisten wir einen Beitrag dazu!
Martin Walter
Um sich Erfolge bis Klasse M zu erarbeiten, ist praktisch tägliches Training und viel Arbeit im Stall angesagt.
Es ist sicher wunderbar, zwei schöne
Pferde zu haben. Doch seine eigene Leistung zu steigern und den Pferden
Fortschritte zu ermöglichen, das frisst gerade neben einem Ausbildungsabschluss
praktisch die ganze Freizeit auf. Nach dem Dank an Eltern, Lehrer und Vereinskameraden war das
große Vorhaben zwei weiteren wichtigen Personen gewidmet: „Widmen
jedoch möchte dieses Projekt meinen Pferden Plato und Latin
Lover”.
Fotos: Blühberger