CommunityReporter Martin WH berichtet

Maturaprojekt: Spannende Gelegenheit für „Pferdeforschung“!

Viele Fliegen mit einem Schlag: Arbeit erledigt und wichtige Einblicke in das Pferdeleben gewonnen

Nun schon einige Jahre so geregelt, im langen Vergleich für uns ältere Semester im Sattel aber noch neu ist es, dass diejenigen, die einen Maturabschluss oder einen ähnlichen Fachabschluss anstreben, nun eine längere schriftliche Arbeit verfassen müssen; eine Art „Maturaprojekt mit einem schriftlichen Bericht“ eben, oder eine „Fachbereichsarbeit“. Man kann das, zeigt die Erfahrung, als eine erste Forschungsarbeit auffassen, je nachdem wie sehr man sich eben engagieren mag. Als ein ganz spannendes Detail im Hintergrund der Reitertreffens im burgenländischen Pöttsching hat sich gezeigt, dass man auch Themen aus dem Pferdeleben bearbeiten kann. Und die Ergebnisse sind sowohl wertvoll wie auch interessant für die pferdlich interessierte Allgemeinheit.

Eisenstadt – Das Dressureitertreffen in Pöttsching war ja wie berichtet eine feine Sache, schöne Veranstaltung für alle Beteiligten. Gleichzeitig aber waren die Aufgaben als Turnerleiterin für Irina Blühberger auch das Maturaprojekt. Die schriftliche Arbeit liegt nun vor, und es zeigt sich, dass man Pferdethemen sehr gut dafür verwenden kann.


Irina Blühberger und der 13-jährige holländische Wallach Latin Lover im Bewerb. Kaum ein Turnier, kaum sportliche Veranstaltungen gäbe es in Österreich, würden sich nicht so viele ehramtliche Helfer finden – auch das will gesehen und mal gesagt sein.

Im Fall der jungen Dressurreiterin handelt es sich um einen Abschluss an der Höheren Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe, HLW in Eisenstadt, einer fünfjährigen Ausbildung in den Bereichen Wirtschaft, Verwaltung, Tourismus und Ernährung. Dort beschäftigt man sich mit sehr handfest wirtschaftlicher Ausbildung und eben auch, maßgeschneidert für das Burgenland, mit dem Tourismus. Projektmanagement im österreichischen Tourismus – das berührt ganz eindeutig den Bereich der Pferdesportveranstaltungen aller Art. Das haben offenbar auch die beiden prüfenden Fachlehrerinnen so gesehen und das Thema angenommen. Ergebnis ist nun eine enorm genau und detailreich ausgearbeitete Studie, wie man so eine Veranstaltung angeht, wie man sie abwickelt und wie zum Erfolg führt: Von einem Budget über die Absprachen mit Behörden bis hin zur Ausstattung und Organisation der „Futterversorgung“ für vier- und zweibeinige Gäste reicht der Bogen der Bemühungen, die sich für ein einziges Turnier oder eine Show ganz schnell über 8 Monate oder oft ein ganzes Jahr ziehen können.

Blühbergers Rück-Blick auf die viele Arbeit, aber auch auf Unterstützung und Mittragen: „Das Pferd ist ein Symbol für Freiheit, Stärke und Mut. Ich beschloss mutig zu sein und für meine Projektarbeit ein Reitertreffen ganz eigenständig und alleine zu organisieren. Mein Hobby ist das Dressurreiten und ich verbringe meine Freizeit fast ausschließlich mit dem Training und habe im Laufe der Jahre ein gutes Netzwerk zu Trainern, Richtern und anderen Reitvereinen aufgebaut. Deshalb habe ich die sehr aufwendige Organisation eines Turniers gewagt und erhielt sofort Unterstützung von Stallbesitzern und Einstellern. Das Projekthandbuch das Sie nun in der Hand halten, ist das Ergebnis von zwölf Wochen Arbeit, mit Ungewissheit, Rückschlägen und Bangen um gutes Wetter, aber es bereitete mit neben sehr viel Arbeit auch Freude, weil ich mich voll und ganz mit dem Thema identifizieren konnte. Ich lernte Zusammenhalt kennen und bin sehr stolz, dass ich als jüngstes Mitglied in unserer Stallgemeinschaft so geschätzt und respektiert werde.“ Man kann wohl nicht schöner sagen, dass ehrenamtliches Engagement neben manchem Engpass und mancher – auch sehr persönlicher - Enttäuschung vor allem auch ein großartiges Erlebnis sein kann!

Hat man selbst solche Veranstaltungen schon mal auf die Beine gestellt – gelernt Schritt für Schritt vom Hindernisrichter am Pflichttor bis hin zum Turnierleiter durch Jahre und Mitarbeit bei wohl 20 Turnieren -, beeindruckt praktisch jede Seite des „Handbuches“. Besonders beeindruckend zu sehen, wie man sich auch vom Fleck weg auf einem tollen Niveau bewegen kann, die Fachausbildung hat offensichtlich wirklich große Stärken.

Dem Dank an Stallinhaberin und „Projektauftraggeberin“ Andrea Stagl vom Reit- und Fahrverein Pöttsching wie auch an die projektbetreuenden Fachlehrerinnen Mag. Gisella Steindl und Mag. Ulrika Filka, das ermöglicht zu haben, kann man sich nur anschließen!

Aber nicht nur für Veranstaltungen aller Art, sondern rund um das Pferdeleben in Österreich bestehen tatsächlich eine Fülle von Fragen, die eine gut aufgebaute Beantwortung brauchen. Pferdehaltung, Verhaltensforschung, Organisationsfragen, Ausbildungsdetails von Pferd und Sportlern - vielem könnte man nachgehen, in den verschiedensten Fächern und oft auch fächerübergreifend. Biologie, Sport, wirtschaftliche Fächer bieten sich an. Nötig ist es, sich mit guten Lehrern abzusprechen. Dann kann es losgehen.

Damit es nicht zu abstrakt formuliert bleibt: Zum Beispiel „Das Liegeverhalten von Pferden in der Offenstallhaltung“ wäre so ein wichtiges Thema, zu dem man bisher nur völlig widersprüchliche Antwortversuche bekommen kann, auch von Tierärzten. Könnte in Biologie wahrscheinlich behandelt werden. „Die tägliche Wasseraufnahme von Pferden im Jahreszyklus“, auch das wäre mal interessant zu wissen; das zeigt sich nämlich unterschiedlich in ersten Beobachtungen, und gar nicht so sehr abhängig von der Tagestemperatur. „Die Gruppenbildung innerhalb des größeren Koppelverbandes“, „Wege und Pausen des Ziehens über große Koppeln bei Tag und Nacht“ aus der Verhaltensforschung, „Fütterung von Haflingern“ könnte für eine Fachschule behandelt werden, „Die ehrliche Kostenrechnung für ein Schulpferd“ oder auch "Was Pferde wirklich kosten müssten?" wäre was Wirtschaftliches, „Ärger und Verbesserungsvorschläge von Anfängern nach der Grundausbildung im Pferdesport“ – das wäre was für Sport. Und so weiter, hört man sich um, so stößt man plötzlich auf eine Vielzahl von offenen Fragen.

Es mag ein sehr berührendes Zitat aus Blühbergers Arbeit hier abschließend stehen, als Einladung, sich ebenso intensiv, tierorientiert und mit Engagement an solche Themen heranzuwagen und sich nicht von den vielen Unkenrufen irritieren zu lassen, bei Blühberger steht´s in der Einleitung: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht die Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit zu verteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer.“  (Antoine de St-Exupéry)

Sehnen wir uns nach einem freundlichen, fairen Zusammenleben mit den sympathischen Vierbeinern – und leisten wir einen Beitrag dazu!

Martin Walter

Um sich Erfolge bis Klasse M zu erarbeiten, ist praktisch tägliches Training und viel Arbeit im Stall angesagt.

 

 

Es ist sicher wunderbar, zwei schöne Pferde zu haben. Doch seine eigene Leistung zu steigern und den Pferden Fortschritte zu ermöglichen, das frisst gerade neben einem Ausbildungsabschluss praktisch die ganze Freizeit auf. Nach dem Dank an Eltern, Lehrer und Vereinskameraden war das große Vorhaben zwei weiteren wichtigen Personen gewidmet: „Widmen jedoch möchte dieses Projekt meinen Pferden Plato und Latin Lover”.                                                                         Fotos: Blühberger

Veröffentlicht Donnerstag, 20. November 2008 20:35 von Martin XL

Kommentare

 

jana6 sagte:

dürfte sich um das theresianum eisenstadt handeln, wusste gar nicht dass man dort schon so fortschrittlich ist. respekt der sportlichen jungen dame, solche schüler haben sicher anteil am guten ruf einer schule.

November 24, 2008 12:51
 

manager sagte:

wow, eine sehr praxisorientierte schule und eine gute idee.

unterscheidet sich schon sehr von den üblichen ballorganisationen

glückwunsch den mutigen lehrerinnen und der schülerin

November 24, 2008 13:04
 

steffi2 sagte:

nur weiter so!  tolles letztes foto, seid ja ein ausgesprochen hübsches trio

und erst die widmung-schluchz....

November 26, 2008 19:00
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