*** Veranstalter möchte weiter hochdotiert, aber als „Wiener“ fortsetzen/BFV versucht zu vermitteln ***
Wiener Neustadt/Niederösterreich – Hier auf IHEP im Forum wurde die Frage nach der Zukunft der großen Turnierreihe der Familie Steinbrecher in Wiener Neustadt aufgeworfen. Die Gerüchte kochen unter Volldampf, viel Verwirrung ist gestiftet. Als regional „zuständiger“ Community-Reporter hab ich mir gedacht – ganz unösterreichisch, frei von vorauseilendem Gehorsam gegenüber Funktionären – ich frag einfach mal, was los ist. Hier eine unerfreuliche Story, die aber auf ein Happy End zusteuert.
Nein, die Familie Steinbrecher hört nicht auf in Neustadt, und Nein, sie übersiedelt auch nicht in den Norden Wiens etc.

Was auch immer hinter den verschlossenen Türen von Verbänden und
selbsternannten „Juristen“ paktiert werden sollte - die Stimmung unter
den Reitern, Besitzern und Gästen aus dem Ausland war auf den beiden
letzten Hallenturnieren der Saison in Neustadt einstimmig: Solange die
Familie Steinbrecher bereit ist, sollte die Turnierreihe unbedingt
weitergehen, darf nichts kaputt-gemauschelt werden.Sache ist einfach, dass man in Neustadt nach 16 Jahren der immer größer, immer besser dotierten, sportlich immer wertvolleren Jahresprogramme von bis zu 14 Turnieren im Jahr aus guten, aber persönlichen und daher ungenannt bleibenden Gründen nicht mehr über den Landesfachverband Niederösterreich, sondern wie einige andere Veranstalter und Vereine über den nahen Landesfachverband Wien veranstalten möchte.
Was in den übrigen Bundesländern recht unmöglich klingen dürfte, hat rund um Wien eine lange Tradition und gute Gründe. Es gibt hier eine Reihe von auch sehr namhaften Vereinen, die zwar ihre Anlagen auf blau-gelbem Boden, mehr oder weniger nahe der Stadt haben, aber ihren Sitz oder eben ihre Verbandszugehörigkeit in Wien. Gerade rund um die Großstadt haben zum Beispiel viele Reitergemeinschaften sehr viele Mitglieder, die an sich Wiener und im Ort „nur“ Zweitwohnungsbesitzer sind.
Was oft Jahrzehnte zurückreicht und eine Art Gewohnheitsrecht geworden ist, wollte Michael Steinbrecher nun auch für sich in Anspruch nehmen. Als einfacher Österreicher könnte man annehmen, es gilt gleiches Recht für Alle. Der künftig veranstaltende Verein Adhesive hat seinen ordentlichen Sitz auch in Wien; der Wiener Verband den namhaften Veranstalter gut aufgenommen, die Turniere für 2009 wurden ausgeschrieben.
Dann hat sich Niederösterreich eingeschaltet und seinen Einfluss auf den Wiener Verband geltend gemacht. Wie genau wird nicht offen gesagt, ist auch nicht wesentlich wichtig. Letztlich geht es bei 14 Turnieren, vielen davon grenzüberschreitend ausgeschrieben, bei grob geschätzt wohl mehr als 30 Turniertagen und den inzwischen pro Tag geradezu exorbitanten Verbandsgebühren auch um viel Geld an die jeweilige Verbandskasse. Man wollte den Veranstalter nicht ziehen lassen.
In der Stellungnahme Niederösterreichs liest sich das so: „Nachdem es in den letzten Jahren öfter Auffassungsunterschiede wegen der Vereinszugehörigkeit gegeben hatte, wurde im Oktober 2002 zwischen dem LFV Wien und dem LFV NÖ eine aus dem Jahr 1993 stammende Regelung des BFV bestätigt: „Die Mitgliedschaft ist in jenem LFV anzumelden, wo sich der Schwerpunkt des sportlichen Geschehens abwickelt und wo die hierfür erforderlichen Reitanlagen situiert sind. Trotzdem hat der LFV Wien den Verein „Reit- & Zuchtstall Wr. Neustadt-Wien“ aufgenommen, wobei hervorzuheben ist, dass ursprünglich als Vereinssitz die Wiener Wohnadresse eines Funktionärs des LFV Wien angegeben war. Natürlich hat dies zu heftigen Protesten des LFV NÖ geführt. Mittlerweile haben sich beide LFV über die künftige Vorgehensweise schriftlich geeinigt.“
Was den Grabenkrieg der Landesfunktionäre betrifft, sollte der Verein, der sich, meint Steinbrecher, nichts hat zuschulden kommen lassen, wieder ausgeschlossen und gezwungen werden, über Niederösterreich auszurichten.
Das wiederum ist nun, nach diesem neuerlichen Zwischenfall, Steinbrecher nicht mehr willkommen. Grundsätzlich sehen die erfahrenen Veranstalter die Sache aber – überraschend – gelassen und (noch?) über den Untergriffen stehend. Die Familie ist bereit, ihre Turnierreihe mit all dem unglaublichen Aufwand fortzusetzen.
Von den Funktionären der Landesverbände wird beteuert, dass man die Fortsetzung ermöglichen will.
Und nun hat sich erfreulicherweise der Bundesfachverband vermittelnd eingeschaltet, um eine gute und schnelle Lösung vor allem für 2009 auf die Beine zu stellen, denn natürlich wird derzeit bereits von den Springreitern die neue Saison geplant. Ob 14 wertvolle und spannende, mit dem Transporter sehr gut erreichbare und dotierte Turniere am Plan stehen oder nicht ist eine entscheidende Frage!
In einem Gespräch oder jedenfalls gemeinsam mit Präsidentin Sissy Max-Theurer soll nach einer guten Lösung für alle gesucht werden.
Und wie könnte eine Lösung, wie könnte ein guter Kompromiss aussehen: Flapsig und arrogant wurde erstmal „vorgeschlagen“, die Neustädter sollten über Niederösterreich ausrichten - und man werde sich um das grundsätzliche Problem der Mitgliedschaften zwischen Wien und Niederösterreich schon in Funktionärskreisen kümmern. Lösung dann wahrscheinlich wieder einmal gleich am Sankt Nimmerleinstag.
Realistisch ist: Man lässt die Neustädter 2009 und etwa auch noch im Folgejahr, wie zugesagt und ausgeschrieben, über Wien ausrichten und klärt die Frage dieser tatsächlich seltsamen Verbandszugehörigkeiten in Ruhe, rechtlich korrekt und für ALLE gültig – auch für diejenigen, die in Niederösterreich Sitz und Interessen haben, aber womöglich im Verband Wien namhaften Einfluss.
Jedenfalls wirft die unerfreuliche und völlig überflüssige Affäre, die einem sehr wichtigen Veranstalter auch hätte das Engagement verleiden können, einmal mehr die Frage nach der Bedeutung von einzelnen Landesverbänden auf. Ähnlich wie manche Züchter überlegen, könnte es mittelfristig, angesichts der vielleicht zu Recht wenig willkommenen, nun ab er unumkehrbar passierten „Internationalisierung“ und in Zeiten ganz enger Finanzmittel künftig auch für die Reiter vernünftiger sein, auf eine länderweise Struktur zu verzichten und den Bundesverband mit allen Aufgaben zu betrauen, aber auch konzentriert mit allen Mitteln auszustatten.
Martin Walter
Geradezu grotesk waren einige „Diskussions-Beiträge“ beim Stammtisch der blau-gelben Springreiter: Das tatsächliche, rechtlich seltsame Problem wurde offenbar nicht einmal verstanden, dafür ist eine breite Intrige gestartet worden, dass bei der Neustädter Turnierreihe nur noch möglichst wenige ausländische Gastreiter an den Start gehen können. Sicher sind die Regelungen der Turnierordnung schwer zu überblicken, wenn FEI und EU ins Spiel kommen. In Neustadt hat aber alles seine Ordnung, und Tatsache ist, dass in Ostösterreich nur wenige Turniere mit wertvollen Bewerben ohne die Gäste – mag man zur EU stehen wie man will - zustande kämen. Im Westen, Tirol oder auch Vorarlberg, ist das schon lange so, Schweizer, Bayern, Italiener sind dort schon lange wichtig für die Bewerbe ab LM und vielleicht mit ein Grund, warum in Westösterreich sehr stark geritten wird. Nicht den Amtsschimmel nach Vorne reiten wollen, sondern besser sein im Sattel des eigenen Pferdes könnte also die Lösung sein.
(Fotos: M. Walter)