Mit leerem Tank auf großer Reise/Modernes
Futter ist ganz legale Leistungssteigerung
Für jeden Leistungssportler ist es heute
eine Selbstverständlichkeit, über seine Ernährung und den Stoffwechsel im
Wettkampf genau Bescheid zu wissen und sein „Futter" nach wissenschaftlichen
Erkenntnissen zusammenzustellen. Kaum berücksichtigt wird hingegen die
Tatsache, dass der „Hochleistungssportler Pferd" den gleichen Spielregeln der
Natur gehorcht. Vielfältige Formen von Mangelerscheinungen und Erkrankungen
sind die Quittung für unüberlegte Fütterung.
Beispielsweise ist es inzwischen durch tiermedizinische Untersuchungen deutlich geworden, dass
viele der gefürchteten Gelenksschäden erst durch eine Unterversorgung bei
Calcium (Ca) und Phosphor (P) ermöglicht oder sogar verursacht werden. Was
letztlich bei der Fütterung eingespart wird, tragen wir dafür zum Tierarzt.
Dabei ist eine
ausgewogene Pferdeernährung kein Kunststück: Beratung mit dem Tierarzt oder
Fachleuten der Futtermittelerzeugung - meist als Serviceleistung kostenlos -
und dann gezielter Einkauf stehen jeder Stallleitung offen.
Um sich über die Bedeutung der einzelnen
Futterbestandteile klar zu werden und um über diese Zusammenhänge auch reden zu
können, ist die Erklärung einiger Fachausdrücke notwendig. Zu unterscheiden ist
da einerseits Krippenfutter, das auch als Kraftfutter bezeichnet wird und mit
dem sich der folgende Artikel in erstel Linie auseinandersetzt, und
andererseits Rauhfutter - heute im wesentlichen Heu, Stroh und grüne Pflanzen,
auf der Weide und geschnitten eingefüttert.
Diese verschiedenen Futtermittel mit ihren
stark unterschiedlichen Eigenschaften zielführend zu kombinieren, hat sich
unter den Bedingungen moderner Stallhaltung zu einer kleinen Wissenschaft entwickelt.
Verlangen wir aber nennenswerte Leitung von einem Pferd oder pflegen wir Pferde
in der Lebensphase der Aufzucht, dann sind Grundkenntnisse aus der tierischen
Ernährungslehre einfach Voraussetzung.
„Gut geputzt ist halb gefüttert"
Diese angebliche Weisheit ist zwar bei den
Inhabern kommerzieller Pferdestallungen gut bekannt, jedoch trotzdem falsch.
Grundsätzlich kann ein glänzendes Fell schon als Zeichen für guten
Futterzustand betrachtet werden, es berücksichtigt aber nicht die Feinheiten
der Ernährung: Energie, Vitamine, Mineralstoffe und Elektrolyte.
Und die im Sinn des Zitates praktiziertren
optischen Täuschungen, mit Spray und Putzmitteln den Fellglanz nachträglich
vorzutäuschen, haben zwar ihren Platz in der Trickkiste von Rosstäuschern, für
Leistungssportler ist aber nur das tatsächliche, innere Wohlbefinden unseres
Partners unter dem Sattel von Bedeutung.
Mit leerem Tank auf großer Reise
Erster und für den Wettkampf oft
entscheidender Punkt in der Leistungsbilanz von Pferden ist die ausreichende
Energieversorgung. Leider bezieht sich die Erfahrung, dass große Haferrationen
Pferde unruhig machen - „den sticht der Hafer" - nicht darauf, dass nun viel
Energie für eine große Arbeitsleitung zur Verfügung steht. Vielmehr zeigen
solche Verhaltensweisen eine innere Unruhe, eine von Innen kommende Störung des
Tieres. Tatsächlich und heute objektiv messbar bringt die traditionelle Hafer +
Heu-Fütterung einen riesigen Eiweißüberschuss in den Körper, während die
tatsächlich verwertbare Energie weit hinter den Anforderungen des
Leistungssportes zurückbleibt. Versucht daher ein Tierhalter, das
Energiedefizit nur mit Hafer auszugleichen, bringt er seinen Partner in die
Nähe einer Eiweißvergiftung.
Aber auch weniger ausgeprägte Probleme als
etwa Kreuzschlag können in diesem Sachverhalt ihre Wurzel haben: Gallenbildung,
Leistungsabfall durch die Stoffwechselbelastung bis hin zu Leberschäden und
Hufrehe sind bei andauerndem Eiweißüberschuss zu beobachten.
Haferkorn ist nicht gleich Haferkorn
Natürlich spielt bei allen Überlegungen auch
die jeweilige Getreidequalität eine große Rolle und zeigt regional und nach
Sorten große Unterschiede. Für den Verbraucher wichtigster, weil praktischer
Maßstab der Qualität ist das Hektolitergewicht (kg/100 Liter).
Hafer Gerste
sehr gut über 55 66
gut 55 64
mittel 50 61
leicht 45 58
Gerade hier ist, wie unter anderem auch der österreichische
Futtermittelexperte Dr. Dieter Krebs, langjährig Experte vom Mischfutterwerk in
Breitenlee bei Wien und heute engagiert bei „Friedrichs Futterscheune", betont
besonders auf die Verunreinigungen zu achten - ein Problem, das nicht nur den
Getreideendverbraucher betrifft, sondern eben auch die Mischfutterherstellung
wegen der Qualität der Grundstoffe. Bis zu 8% Gewichtsverlust durch Staub und
andere Abfälle sind bei der Verarbeitung von ungereinigtem Hafer zu beobachten.
Da aber in Österreich für Hafer feldfallend oder gereinigt an den Produzenten
nur ein Preis bezahlt wird, erlauben die geringen Spannen keine Reinigung. Wer im
Interesse der Staubvermeidung im Stall gereinigte Futtermittel bekommen möchte,
wird also mit einem Preisaufschlag kalkulieren müssen.
Wiederum Dr. Krebs weist auch auf die österreichische Problematik hin,
dass in unserem Klima brauchbare Sorten unter dem Mikroskop eine raue
Oberfläche zeigen und daher mehr Staubablagerungen ansetzen. Die
Futtermittelproduktion etwa in Kanada oder Schweden kann hingegen auf Sorten
mit glatter, staubunafreundlicher Oberfläche zurückgreifen.
Ebenfalls unterschiedlich nach Sorten zeigt sich auch der für
Sportreiter eher problematische Eiweißgehalt: im Gegensatz zu unseren
Interessen ist in der Zucht, für tragende Stuten und Fohlen, eine hohe
Eiweißversorgung sogar wichtig. Während die hellen Hafersorten ungefähr gleiche
und vergleichsweise niedrige Eiweißwerte in die Futterration bringen, hat
Schwarzhafer einen deutlich höheren Eiweißgehalt. Letztlich sollte man also
immer wissen, was genau man erreichen möchte.
Wenn wir nun, zum Thema Energieversorgung abschließend bedenken, dass
schon circa 10 Minuten schwerer Arbeit - Abreiten und Parcours sind als schwere
Arbeit zu werden - den Energiegehalt von gut einem Kilo Hafer verbraucht,
sollte uns die ausreichende Ernährung künftig ein großes Anliegen sein.
Im Detail sieht diese Rechnung folgendermaßen aus:
In der Muskulatur werden in parcousmäßigem Galopp innerhalb einer
Minute bis zu 5kcal verbraucht. Der Nachschub unmittelbar aus dem Darm muss für
diese Zeitspanne vernachlässigt werden . Reserven für die Leistungsdauer können
daher nur in den Muskelzellen (Glykogen und Fett) und aus dem Blut mobilisiert
werden. Zusätzlich bietet dann noch die Leber eine Glykogen reserve. Qualitativ
müssten die Energiereserven der Muskulatur ausreichen, jedoch sind sie bei der
kurzfristigen Belastung nicht vollständig mobilisierbar. Außerdem wird nur ein
Drittel der Muskelenergie in Bewegungsenergie umgesetzt. Der Bedarf erwachsener
Sportpferde für große Anstrengung dürfte daher noch über den angegebenen 5
kcal/Minute liegen.
Zum Ausgleich ziehen die Muskeln daher vor allem Zucker aus der
Blutbahn heran, während die Blutfettsäuren mit zunehmendem Sauerstoffmangel
während des Springens als Energielieferant an Bedeutung verlieren. Wenn auch
Susi Sturm, bewährte Pflegerin des Hochleistungsspringpferdes „Ikarus" - dem
legendären Grand-Prix- und Mächtigkeitsexperten von Roland Fischer - keine
eigene Turnierdiät verfüttert - als Beispiel für die Ernährung eines
Sportpferdes bringen wir den Futterplan von „Ikarus" nebenstehend abgedruckt -
so kann an Tagen mit besonderen Anforderungen wie bei Kursen oder eben
Turnieren die Investition in ein Spezialfutter mit Traubenzucker schon dem
Pferd die Arbeit erleichtern. Dies gilt besonders dann, wenn an den übrigen
Tagen nur die Standardernährung eines Mietstalles und nicht die besondere
Pflege einer Expertin geboten werden kann. In Rennställen ist derartige
„Turnierdiät" eher üblich. Über die Fütterung ist nicht nur die Bildung von
Glykogen- und Fettreserven zu beeinflussen, sondern auch die gesamte
Ausrichtung des Stoffwechsels.
Das bedeutet für Sportpferde die Bevorzugung von Rationen, die viel
Glukose liefern. Möglich ist dies durch eine Schwerpunktbildung beim
Krippenfutter und der Abgabe von weniger Rauhfutter, wobei jedoch eine untere
Grenze von 4kg Heu pro Tag nicht unterschritten werden sollte (KOLIKGEFAHR!)
Diese legalen Möglichkeiten zur Leistungssteigerung sollte sich kein
ambitionierter Turniersportler entgehen lassen.
Bei langfristigen Belastungen und mäßigen Geschwindigkeiten, etwa auf
einer Querfeldeinstrecke, werden hingegen Energiereserven in Form von Fett
verwertet. Ihr Abbau ist abhängig von einem intakten Enzym- und Hormonsystem
und von einer ausreichenden Vitaminversorgung.
„Sportlerdiät" IKARUS
morgens: 3l Hafer
3kg Heu
mittags: 2l Hafer
abends: 2l Hafer
1,5l Quetschhafer
1,5l Weizenkleie
3kg Heu
dazu: Mineralstoffe
Elektrolyte
2 Blutbilduntersuchungen pro Jahr
zumindest 3 Wurmkuren pro Jahr
keine eigene Turnierdiät
Martin Walter