„Longdrinks" in der Stallgasse
Es trinkt der Mensch, es säuft das Pferd, ...
Ziemlich erschütternd sind die weitverbreiteten Vorstellungen über den Wasserbedarf eines Pferdes. Auch Pferdefreunde mit Reiterpass halten oft 2 oder 3 Liter Wasser für eine nennenswerte Menge, wenn sie ihren verschwitzten Liebling tränken. Und fällt einmal die Selbsttränke im Stall aus oder ist der Bezug eines Standes ohne direkte Wasserversorgung notwendig, dann wird aus Unwissenheit - ein Kübel Wasser für 3 oder 4 Pferde - oder Faulheit die Grenze zur Tierquälerei weit überschritten. Vor allem den in Österreich wenig informierten Pflegern muss bei der händischen Wasserversorgung unbedingt genau auf die Finger gesehen werden.
Und gerade auch auf Turnieren mit der wesentlich höheren Leistungsanforderung ist auf ein ausreichendes Wasserangebot Wert zu legen. Und auch mit dem unüberlegten Grundsatz, dass Pferde nicht unmittelbar nach der Arbeit trinken dürfen, sollte aufgeräumt werden. Abgesehen davon, dass ein korrekt abgegangenes Pferd gar nicht verschwitzt an die Tränke kommen kann und daher ruhig gleich nach dem Absatteln trinken dürfte, zeigt die langjährige Praxis, dass auch bei Pferden, die noch unter dem Sattel - etwa aus einem Fluss oder einem Teich - saufen können, keine Erkrankungen auftreten. Steht ein Pferd verschwitzt im Stall und erkrankt danach, ist wohl eher Zugluft die Ursache für Erkältung - jedenfalls aber die Unvernunft des Reiters.
Auch der Unsinn, Pferden die Tränke zur Heufütterung abzuschalten oder das Heu in die andere Ecke der Box zu werfen, sollte aufhören. Je feuchter das Heu zur Fütterung gelangt, umso besser ist es für die Staubvermeidung im Stall. Für Pferde mit Problemen im Lungenbereich muss Heu sogar nass verfüttert werden.
Wir sollten keinesfalls verhindern, dass sich die Tiere das staubige Zeug, das in vielen Ställen heute das Heu präsentiert, selbst anfeuchten. Das hat gar nichts miteiner Unart oder spielen zu tun, wie uns viele Stallinhaber einreden wollen. Wenn jemand diese Meinung für falsch oder übertrieben hält, ist ihm ein einfaches Experiment zu empfehlen. Stellen sie sich mit einem Wasserkübel unmittelbar neben ihr heufressendes Pferd. Es wird beginnen, fast zu jedem Bissen zumindest das Maul oder direkt die Heufasern einzutauchen. Es wäre dabei nicht einzusehen, warum diese Vorgangsweise, die im Behandlungsfall vom Tierarzt genau so empfohlen wird, nicht auch gleich akzeptiert werden sollte.
Sicherlich sind viele traditionelle Vorgangsweisen im Umgang mit Pferden aus wertvoller Erfahrung entstanden. Von den offensichtlich falschen Schlussfolgerungen können wir uns aber guten Gewissens trennen.
Jedoch ist gar nicht nur die ausreichende Wassermenge entscheidend für das Wohlbefinden und das Leistungsvermögen eines Pferdes.
Wasser spielt im tierischen Körper eine zentrale Rolle. Aber nicht nur die Menge, sondern auch die Zusammensetzung der Körperflüssigkeit wird durch Regelmechanismen sehr konstant gehalten. Bei Flüssigkeitsverlust durch Schwitzen ist es deshalb äußerst wichtig, dem Pferd neben Wasser auch die sogenannten Elektrolyte anzubieten. Das sind in Wasser aufgelöste Substanzen (in erstel Linie Mineralsalze wie Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium), die im Körper die schon beschriebenen, wichtigen Aufgaben erfüllen: sie regeln den Flüssigkeitshaushalt und aktivieren die Muskeln. Durch raschen Ersatz für Elektrolytstoffe wird die Leistungsbereitschaft rasch wieder hergestellt. Beim ausgewachsenen, gut trainierten Pferd liegt der Anteil des Körperwassers bei rund 60% des Körpergewichtes, also wie beim Menschen. Davon befinden sich zwei Drittel in den Zellen, der Rest in den Blut- und Lymphgefäßen sowie zwischen den Zellen.
Der Flüssigkeitshaushalt wird unter normalen Bedingungen mit Hilfe einer ausgeglichenen Wasserbilanz konstant gehalten: Wasseraufnahme und Wasserabgabe halten sich die Waage.
Dass der Begriff „Wasser" für die Körperflüssigkeit eigentlich eine Verharmlosung ist, wurde vielleicht schon deutlich. Vielfältig sind die Aufgaben, die von dieser kompliziert zusammengesetzten Substanz zu erfüllen sind: Lösung und Transport von Nährstoffen, Ausscheidung von harnpflichtigen Abfallstoffen und die Regulation der Körpertemperatur.
Wie schon besprochen ist Muskelarbeit nur möglich, wenn die dazu erforderliche Energie bereitgestellt wurde. Sofern diese Energie in Form von Nährstoffen bis zu den Muskeln gelangt, werden jedoch nur etwa 20% der Energie in Muskelarbeit umgesetzt, der Rest verpufft als Wärme. Darauf reagiert der Körper durch einen leichten Anstieg der Körpertemperatur und durch starke Schweißabsonderung. Pferde schwitzen intensiv an der ganzen Körperoberfläche. Hunderttausende Schweißdrüsen sorgen dafür, dass Wasser zusammen mit Elektrolyten und noch anderen Substanzen an der Hautoberfläche verdunsten. Die dadurch entstehende Verdunstungskälte kühlt den Körper ab.
Diese Schweißverluste können bei intensiver Arbeit und warmer Witterung enorm sein. Bei andauernder Belastung in warmer Umgebung ist bei Sportpferden mit einem Schweißverlust von 10 bis 12 Liter pro Stunde zu rechnen.
Im Pferdeschweiß ist die Elektrolytkonzentration rund fünf mal höher als beim Menschen. Bei körperlicher Belastung nimmt daher neben dem Wasserbedarf, vor allem der Bedarf an Natrium, Kalium, Chlor und Magnesium stark zu. Der Pferdekörper ist nicht in der Lage, Wasser und Elektrolytverluste über den Schweiß zu reduzieren. Bei knapper Versorgungslage können daher Blutverdickung und Verschiebungen des Elektrolythaushaltes entstehen. Eine Zufuhr von isotonischen Elektrolytgetränken ist daher unbedingt zu empfehlen. Damit wird die Erholungsphase verkürzt und die Leistungsbereitschaft wesentlich schneller wiederhergestellt.
Entgegen dem Eindruck vieler Zuseher entstehen Erfolge von Sportreitern nicht nur aus dem überlegenen Können im Sattel, sondern in vieler Hinsicht auch aus der gut überlegten Pferdehaltung.
Wasserbilanz bei einem 600kg schweren Sportpferd in Ruhe
(Heu/Hafer)*
Wasseraufnahme Wasserabgabe
Trinkwasser 20l Kot 7l
Urin 10l
Nahrungswasser 1l Haut und Atem 7l
im Körper gebil-
detes Wasser 3l
24l 24l
*stark schematisiert; zusätzlich abhängig vom Individuum, von Nahrungszusammensetzung und Außentemperatur
Schweißabsonderung bei einem 600kg schweren Sportpferd
Bei leichter Arbeit ca. 5l
mittlerer Arbeit 5-15l
schwerer Arbeit 15-35l
Martin Walter