Im Mittelpunkt

Der „Narr“ hat seine Pferde „offenbar sehr geliebt“

*** Die Frage waren nur bessere Ställe und eine Koppel/Dipl.Ing. Mayer verstorben ***

Für viele waren es vor einem Jahr nur kurze, spektakuläre Schlagzeilen, dass es an der Bezirkshauptmannschaft Klosterneuburg zu einer Geiselnahme und einem Schussattentat gekommen ist. Wie sehr das Drama aus Pferdeproblemen entstanden ist, wurde erst viel später erkennbar.

Vordergründig betrachtet waren für das verheerende Attentat und die Geiselnahme in Klosterneuburg sicherlich „Schulden und die drohende Versteigerung“ Auslöser, jedoch wurde behördlich auch der „verwahrlosten Pferdehaltung“ entgegengetreten. Die tödliche Katastrophe von Klosterneuburg vor einem Jahr hatte, wie sich herausstellt, insgesamt aber viele Wurzeln. Ohne den Amoklauf entschuldigen zu wollen, ist jedoch festzustellen, wie weit die Vereinsamung führen kann. Wie viel Verantwortung haben alle, wenn jemandem nur noch die Pferde bleiben … Und dieser letzte Rückzug dann auch noch unmöglich gemacht werden soll.

http://www.oe24.at/oesterreich/chronik/Pferdenarr-kam-mit-MP-auf-Behoerde/20923293

Die angeblich überraschende Geiselnahme in der Bezirkshauptmannschaft Wien-Umgebung in Klosterneuburg hat „die Polizei sechs Stunden lang in Atem gehalten“, meldete vor einem Jahr die Austria Presse Agentur seicht und sensationslüstern. Der Täter, der zuvor einen leitenden Mitarbeiter durch Schüsse lebensgefährlich verletzt und eine Frau als Geisel genommen hatte, „richtete nach deren Befreiung die Waffe gegen sich selbst. Er starb während des Transports ins Krankenhaus“.
An einem frühen Nachmittag Ende März hatte der 55-Jährige Alfred Fuchs aus Wolfsgraben den Leiter der Abteilung für Forst, Jagd und Landwirtschaft mit mehreren Schüssen angegriffen. In der Folge verschanzte er sich mit einer Mitarbeiterin als Geisel in einem Raum. Nachdem die Schüsse gefallen waren - laut Landeskriminalamt waren es mehr als zehn -, wurden Polizei und Rettung verständigt. Der Verletzte wurde ins Spital gebracht, das Gebäude evakuiert und der Bereich großräumig abgesperrt.
An sich ist manches an den Beschreibungen über den unmittelbaren Tathergang, aber auch über die Vorgeschichte immer noch widersprüchlich: So weit erkennbar, drangen Polizeieinheiten gegen 17 Uhr in das Gebäude ein und nahmen Verhandlungen mit dem Mann auf - mit dem Ziel, die Geisel freizubekommen. Die Gelegenheit ergab sich, als der Geiselnehmer Zigaretten verlangte. Als die Frau das Päckchen holen sollte, griffen die Beamten ein und konnten die 52-Jährige unverletzt in Sicherheit bringen. Innerhalb der folgenden 30 Sekunden, in denen der Täter allein im Raum war, fiel ein Schuss - er hatte sich selbst gerichtet.
Zum Motiv führte Bezirkshauptmann Wolfgang Straub bei einer Pressekonferenz nach Abschluss der Aktion aus, dass der 55-Jährige, der ein kleines Gestüt hatte und seine Koppel erweitern wollte, seit langem im Zwist mit der Behörde lag. Dabei ging es sowohl um Umwelt- als auch Tierschutzvorschriften. Nachdem er dem Auftrag, „illegale Ablagerungen“ zu entfernen, nicht nachgekommen war, sollten im Zuge des Vollstreckungsverfahrens seine Pferde gepfändet werden.
Nach Betreten der Abteilung soll Fuchs ohne weiteren Diskussionsversuch geschossen haben. Der Täter wollte offenbar eine gezielte Aktion gegen drei Personen - den Abteilungsleiter, den Amtstierarzt und einen Forsttechniker – setzen, meinte Bezirkshauptmann Straub. Er habe sie aber nicht töten wollen, sondern ihnen "eine Lehre erteilen, die sie ihr Leben lang nicht vergessen". In dem Büro der Forstverwaltung im dritten Stock des Gebäudes waren zum Tatzeitpunkt fünf Personen gewesen. Während der Abteilungsleiter mit mehreren Schüssen schwerst verletzt und eine Mitarbeiterin als Geisel genommen wurde, sind zwei Sekretärinnen geflüchtet. Der Forsttechniker hat sich – von Fuchs unbemerkt - in einem Nebenraum versteckt, der aber zum Gang hin abgesperrt war. Dort saß der Mitarbeiter während der gesamten Geiselnahme fest.

Kriminalamtschef Franz Polzer merkte an, dass der Mann als Einzelgänger galt, seine Familie sei bereits vor Jahren zerbrochen. Er hatte zwei - illegale - halbautomatische Faustfeuerwaffen bei sich, die aus dem amerikanischen Raum stammten.
Der angeschossene Abteilungsleiter wurde ins AKH Wien überstellt und notmedizinisch versorgt. Der schwerverletzte Beamte wurde stundenlang notoperiert. Sein Zustand war mehrere Tage "stabil, aber sehr ernst und sehr besorgniserregend“.

Teils gut informiert, teils Augenzeuge der Ereignisse um den Hof in Wolfsgraben war der Obmann von Animal Spirit, Tierarzt Dr. Franz Josef Plank. Er beschreibt die Sache im Rückblick: „Was aber nicht bekannt sein dürfte ist die Tatsache, dass sich beim Täter Alfred Fuchs, Gestütbesitzer und Araberzüchter in Wolfsgraben, bereits über einige Zeit enorme Schulden angehäuft hatten, der Hof praktisch schon der Bank gehörte und seine Pferde schwer vernachlässigt waren. Aus diesem Grund war am 7. März 2011 auf seinem Hof eine gerichtliche Versteigerung anberaumt, um zumindest fünf der Pferde, die laut Gericht jedenfalls ihm gehörten, zu versteigern.“
Es waren damals mindestens ein Dutzend Tierfreunde gekommen, um wenigstens diese 5 Tiere zu retten, darunter auch Obmann Plank: „Wer allerdings nicht erschienen war und zudem den Hof verbarrikadiert hatte, war Herr Fuchs selber. Zudem fehlten die Papiere und ein Pferd, welches angeblich vorher verstorben war.“
Der Gerichtsvollzieher und die versammelten Tierfreunde mussten daher unverrichteter Dinge wieder abziehen. Immerhin konnte in der Folge mit dem zuständigen Amtstierarzt, Dr. Holger Herbrüggen, vereinbart werden, dass fortan die verbliebenen 16 Pferde vom Tierschutzverein Gut Riedenhof versorgt würden und zudem stellte Dr. Herbrüggen eine Beschlagnahme der Tiere in Aussicht. Eine Zusammenarbeit mit dem Tierschutz - zum Wohle seiner eigenen Tiere - lehnte Herr Fuchs jedoch weiterhin ab. Im Gegenteil, er bedrohte eine Tierschützerin am Telefon sogar damit, sie zu „erschlagen".
Die Schulden, die drohende Versteigerung sowie die verordnete Zwangsvollstreckung in einem Verfahren wegen illegaler Baumaßnamen auf seinem Hof waren Herrn Fuchs offenbar über den Kopf gewachsen und so lief er auf besagter BH in Klosterneuburg Amok. Dr. Plank: "Wichtige  Fragen sind noch unbeantwortet: Erstens, wird der schwer verletzte Beamte überleben und zweitens, was geschieht mit den verbliebenen 15 Pferden? Der braune Araber-Zuchthengst "Pan" ist nämlich noch vor dem Amoklauf ebenfalls spurlos verschwunden.
Und wie wird die Behörde in dem Fall weiter agieren?" Die Tierschutzvereine Gut Riedenhof und Animal Spirit werden jedenfalls gemeinsam versuchen, sobald die behördlichen Schritte gesetzt wurden, Abnehmer bzw. gute Plätze für die verbliebenen Pferde zu finden.“

Das Verdienst, im weiteren Verlauf den wirklichen Hintergründen nachgegangen zu sein und der einseitigen Darstellung der Behörden ein Gegengewicht entgegengesetzt zu haben, kommt der Tageszeitung „Die Presse“ zu: Dem Vorfall ist offenbar ein langer Streit des Täters mit der Behörde vorangegangen Begonnen hatte alles vor sechs Jahren mit illegalen Aufschüttungen des 55-Jährigen in Wolfsgraben, mit Hilfe derer er auf seinem steilen Grundstück Unterstände für seine Pferde bauen wollte. Die BH habe die Entfernung der Ablagerungen angeordnet, musste es aber schließlich selbst erledigen, weil Fuchs dem nicht nachkam. Um sich die Kosten für die Arbeiten zurückzuholen, habe man dann im Zuge der Exekution die 16 Pferde versteigern wollen. Weil die Tiere unterernährt waren, erschien das nicht durchführbar. Stattdessen wurden der Amtstierarzt zugezogen und ein Verfahren eingeleitet. Schließlich wurde ein Duldungsbescheid ausgesprochen, wonach Fuchs akzeptieren müsse, dass die Rösser künftig von einem Verein gepflegt werden.
Das habe der 55-Jährige aber strikt abgelehnt - und das Vorgehen der Behörde hat offenbar die finale Katastrophe ausgelöst. „Nach privaten und beruflichen Problemen seien die Pferde offenbar alles gewesen, was ihm geblieben ist", meinte Bezirkshauptmann Straub.

Schlussendlich ist dann nach nahezu 14 Tagen Dipl.Ing. Alexander Mayer, Leiter des Bereiches Land- und Forstwirtschaft an der Bezirkshauptmannschaft Wien-Umgebung in Klosterneuburg, seinen Verletzungen erlegen. Dipl.Ing. Mayer war verheiratet und hinterließ zwei erwachsene Kinder.

Diese Toten - der ganze, grauenhafte Fall von Klosterneuburg zeigt sich also bei genauer Betrachtung als entsetzliche Vermengung aus persönlicher und finanzieller Fehleinschätzung und psychischen Problemen, aber vieles etwa bei den Bauvorschriften und den Zwangsmassnahmen wirkt auch wie ein großes Maß an Behördenwillkür. Wem hätten diese offenbar schon lange bestehenden Aufschüttungen geschadet? Rechtwidrig waren sie jedoch. Der Fall Fuchs ist jedenfalls die entsetzliche Spitze des Eisbergs aller derjenigen, die sich mit Pferdehaltung finanziell übernehmen, in der Abgeschiedenheit eines Hofes auch aus dem Übermaß an österreichischen Vorschriften eigenmächtig aussteigen wollen und auch nicht mehr in der Lage sind, Hilfe rechtzeitig anzunehmen. Im kleinen ist es die überzogene Pferdeanschaffung, nach der keine Reserven mehr für den plötzlich nötigen Tierarzt bleiben oder für die extra Futtermenge, weil sich in vielen Ställen die Fütterung als unzulänglich herausstellt.

Eine unendlich traurige Mahnung, sich in ähnlichen Fällen - mit Zivilcourage - rechtzeitig zu engagieren.

Veröffentlicht Freitag, 17. Februar 2012 14:51 von IHEP-Redaktion

Kommentare

Keine Kommentare
Anonyme Kommentare sind nicht zugelassen
addthis