*** Der traurigste Abschied: In Erinnerung an Bereiter Harald Bauer ***
Das letzte Reiterjahr in Österreich war voll an traurigen Ereignissen und kaum einmal erfreulich. Als Tiefpunkt im Zusammenprall von Engagement und Idealen mit Unmenschlichkeit und Kommerzgier wird aber von vielen die Entscheidung des Bereiters der spanischen Hofreitschule in Wien, Harald Bauer, für den Freitod angesehen. Geklärt sind bis heute weder die Ursachen noch die Missstände.
Foto: SRS
Am Montagmorgen, dem 19. September 2011, ist Harald Bauer in den Freitod gegangen – angesichts der äußeren Zwänge von Psychologen auch eher als Selbstmord angesehen. Bauer, einer der durch viele Auftritte und ausgebildete Pferde wichtigsten und am längsten dienenden Bereiter, hat sich gegen fünf Uhr in der Früh das Leben genommen. Eine Reinigungskraft fand den Mann tot in einem Zimmer der Reitschule auf. Von Kollegen verlautet, dass der 44-Jährige dem internen Druck nicht mehr standhalten konnte: „Er wollte noch einen Kollegen anrufen, hat aber diesen nicht erreicht, so ein Insider, der nicht genannt werden will“, berichtete heute.at

Harald Bauer, hier gemeinsam mit Oberbereiter Johann Riegler, seinem langjährigen Mentor, bei der Ausbildung des jungen Lipizzanerhengstes Neapolitano Isabella in der Courbette (Zügelführung am Kappzaum; Riegler an der Longe), galt unter den erfahrenen Experten als eine der größten Hoffnungen der klassischen Reitkunst in Wien.
Fotos: Archiv
Verdient gemacht hat sich auch das recht unabhängige Verbandsblatt „Pferd plus“: Die Lebensgefährtin von Harald Bauer hat sich mit schweren Vorwürfen an die Öffentlichkeit gewendet: Der Bereiter wäre dem enormen beruflichen Druck und dem unmenschlichen Führungsstil nicht mehr gewachsen gewesen, schreibt das Mitteilungsblatt vieler wichtiger Landesverbände zur Sache; aus Selbstschutz in Zitatform: „Gegenüber der Tageszeitung heute.at hat die beste Freundin von Harald Bauer – die anonym bleiben wollte – zum Freitod des Bereiters Stellung genommen. Sie erhebt schwere Vorwürfe gegen den Arbeitgeber, die Spanische Hofreitschule. Bauer wäre ein sensibler Mensch gewesen und „dem enormen beruflichen Druck und dem unmenschlichen Führungsstil in der Reitschule nicht mehr gewachsen“ gewesen. Über die Mitarbeiter des Reitinstituts sei „ein Maulkorberlass“ verhängt worden, jede Kritik wurde sofort „im Keim erstickt“. Auch die Qualität der Reitschule hätte immer mehr gelitten. Dies alles sei für Harald Bauer ein unerträglicher Zustand gewesen. Am Ende habe der Bereiter die psychische Belastung nicht mehr ertragen, wurde zur Behandlung in eine Klinik eingeliefert.
Von Seiten der Spanischen Hofreitschule wurden die Anschuldigungen brüsk zurückgewiesen – heute.at zitiert folgende Aussage: „Alles nicht wahr. Herr Bauer war ein Abschusskandidat. Er war dem Alkohol und der Spielsucht verfallen, hatte hohe Schulden.“
Übrigens ein Bündel an Unterstellungen, wie sie immer wieder gegen ausscheidende Mitarbeiter erhoben werden, angesichts des Stereotyps kann man kaum noch unterscheiden, von wem gerade die Rede ist.
Diese Ungeheuerlichkeit an Unterstellungen war dann den übrigen Kolleginnen und Kollegen Bauers zu viel, erstmals in der bis dahin von Idealismus und rückhaltlosem Engagement getragenen Geschichte war die Geschäftsführung der Hofreitschule mit offenen Streikdrohungen konfrontiert: „Aus Protest gegen die Führung der Schule und aus Solidarität mit dem verstorbenen Kollegen“ hat sich der Reiterbeirat aufgelöst. Der pietätlose Umgang mit dem tragischen Vorfall hat nicht nur unsere Pferdplus-Community empört, sondern offensichtlich auch die Kollegen von Harald Bauer: „Dass der Verstorbene nach seinem Tod noch angepatzt wird, damit sind wir nicht einverstanden“. Sie sehen sehr wohl einen Zusammenhang mit dem Druck in der Reitschule, der sich in den letzten Jahren enorm verstärkt habe – und unter dem nicht nur die Bereiter, sondern auch die Pferde zu leiden haben: Die Tiere seien überlastet, anfälliger für Krankheiten und müssten ein immer größeres Arbeitspensum erledigen: Während früher genug Hengste vorhanden waren, um Morgentraining und Abendvorstellungen mit unterschiedlichen Pferden zu bestreiten, müssten nun oft dieselben Tiere morgens und abends ran – und das sei „völlig unzumutbar“.
Unter der Überlastung von Pferd und Reiter leide zudem die Qualität: Längst müssten bestimmte Figuren gestrichen oder zusammengelegt werden – die klassische ,Schulquadrille‘, einst das große Aushängeschild und ganzer Stolz des Instituts, musste um die Hälfte gekürzt werden. All dies falle mittlerweile auch den Besuchern der Vorführungen auf – ,Geld-zurück-Forderungen‘ seien mittlerweile an der Tagesordnung.
Die Bereiter fordern nun ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um die Misere zu beenden und das Qualitätsniveau wieder anzuheben: Entlastung der Pferde, mehr Mitsprache der Bereiter – und mehr Geld seitens der Republik, denn zu allererst sei der wirtschaftliche Druck, ausgeglichen bilanzieren zu müssen, für die derzeitige Misere verantwortlich. Aus diesem Grund befürwortet die Belegschaft auch die Übersiedlung der Spanischen Hofreitschule vom Landwirtschafts- ins Kulturministerium – und nimmt damit eine Forderung auf, die vor wenigen Tagen der Freundeskreis der Spanischen Hofreitschule erhoben hatte.
All das hat dann zu einer schmallippigen, aber immerhin mitteleuropäischen Umgangsformen entsprechenden offiziellen Äußerung der Geschäftsführung geführt: „In tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unser Kollege, Freund und langjähriger Weggefährte Bereiter Harald Bauer im 44. Lebensjahr von uns gegangen ist. In dieser schwierigen Zeit gilt unsere Anteilnahme seiner Familie und seinen Angehörigen.
Die Geschäftsführung und Mitarbeiter/innen der Spanischen Hofreitschule – Bundesgestüt Piber“, gab die Pressestelle schließlich heraus.
Geändert hat sich bisher jedenfalls nichts, und eine wirkliche Aufklärung der grauenvollen Ereignisse steht ebenfalls bis heute aus. Und in den diversen Verbandsnachrichten wird auch nicht mehr nachgefasst.
Rein menschlich bleibt die Hoffnung auf ausgleichende Gerechtigkeit, wenn es dann einmal für Gürtler und ihre „Geschäftsführung“ so weit ist. Nüchtern-sachlich stehen die an der Zukunft der Hofreitschule interessierten vor der Frage, wie lange noch der zuständige Minister die Zustände dulden will, wenn für das Ansehen des Instituts längst nicht mehr nur „Gefahr im Verzug“, sondern bereits in Österreich selbst und international schwerer Schaden entstanden ist.