Sprechende Pferde

Hab auch ich das Zeug zum guten horseman?

Natural Horsemanship: Das Grundsätzliche voll Sympathie erklärt

Nicht zuletzt durch die Verfilmung von Nicholas Evans Roman „Der Pferdeflüsterer“ wurde die „andere“ Art mit Pferden zu kommunizieren weltweit berühmt. Der Wunsch eine harmonischere und vor allem gewaltfreie Beziehung zu Pferden zu führen, hat in einer großen Masse an Reitern ein Umdenken bewegt.


 


Wer sich auf sein Pferd verlassen will, sollte das Vertrauen vom Boden aus festigen. Ob Parelli Training (oberes Bild) oder Indianisches Pferdetraining (unteres Bild) ist egal, Spaß soll es machen und die Verständigung zwischen Mensch und Pferd verbessern. Fotos: Schimon
 

Nicht zuletzt durch die Verfilmung von Nicholas Evans Roman „Der Pferdeflüsterer“ wurde die „andere“ Art mit Pferden zu kommunizieren weltweit berühmt. Der Wunsch eine harmonischere und vor allem gewaltfreie Beziehung zu Pferden zu führen, hat in einer großen Masse an Reitern ein Umdenken bewegt.

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff natural horsemanship und muss man mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet sein, um Pferde verstehen zu können?

Gibt man in eine Internetsuchmaschine den Begriff natural horsemanship ein, so erhält man eine Fülle an links, ein unglaubliches Angebot an Trainern und Trainingsmethoden, Lehrbüchern, Videos, DVDs und Ausbildungsgegenständen. Aber wofür sich nun entscheiden? Haben all diese verschiedenen horsemanship Methoden, denn gemeinsame Prinzipien, nach denen sie arbeiten oder treffen da ähnlich, wie in der klassischen Reitlehre, unterschiedliche Lehrmeinungen und Weisheiten aufeinander?

Schon in der Antike gab es horsemanship

Beginnen wir doch kurz mit einem Blick auf die Entstehungsgeschichte des natural horsemanship. So neu, wie man vielleicht annehmen würde, sind die Prinzipien des natural horsemanships gar nicht, hat schon der Reitmeister Xenophon 365 v. Chr. in seinem Buch „Über die Reitkunst“ auf einen pferdefreundlichen, verständnisvollen und schonenden Umgang mit Pferden plädiert. „Nur wer ein Pferd als Partner betrachtet, kann sich seiner zu Hundert Prozent in Krieg und Notsituation sicher sein“ so der Reitmeister in seinem Werk. Obwohl über 2000 Jahre alt, findet sein Gedankengut noch immer Einhalt in der klassischen Dressur und in den höfischen Reitschulen Europas.

In einem Pferd einen Partner zu sehen, bedeutet auch immer viel Zeit und Geduld in die Ausbildung dieses zu stecken. Solchen sanften Ausbildungsmethoden wurde öfters in der Geschichte der Rang abgelaufen durch brutalere, aber dafür schnellere Arten Pferde reitbar zu machen. Die Cowboy Tradition des amerikanischen Westens bildete dabei keine Ausnahme. Große Viehherden und ein stark wachsender Bedarf an Rindfleisch, führten dazu, dass halbwilde Pferde innerhalb kürzester Zeit „gebrochen“ wurden, um einen Menschen auf ihrem Rücken zu dulden. Dass dies nicht gerade zu einer harmonischen Mensch- Pferd Beziehung beigetragen hat, braucht nicht weiter erläutert werden.

Wie man sieht war der Bedarf an Rückbesinnung auf die alten kalifornischen Vaquero Traditionen, die der Ausbildung des Pferdes viel Zeit und Geduld zukommen ließen, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten da und somit die Geburtsstunde des modernen natural horsemanship in Amerika gelegt. Die Brüder Tom und Bill Dorrance, Ray Hunt und Buck Brannaman werden als die Begründer bezeichnet und erlangten über die Grenzen der USA hinaus Anerkennung und Berühmtheit. Spätere horseman, unter anderem Mark Rashid, Monty Robert, Pat Parelli oder auch der indianisch stämmige GaWaNi Pony Boy, brachten zahlreiche Bücher, Lehrvideos und Trainingsmethoden auf den Markt, um natural horsemanship auch für die breite Masse an Freizeitreitern anwendbar und verständlich zu machen.

Aber wie arbeitet man im natural horsemanship denn nun?

Gemeinsame Ideen lassen sich bei allen Vertretern des natural horsemanship finden. Die einfache Tatsache, dass Pferde Herdentiere sind und innerhalb des Herdenverbandes vor allem mittels Körpersprache kommunizieren, macht man sich im natural horsemanship zu Nutze. Durch das Wissen um die natürlichen Instinkte und Verhaltensweisen der Pferde und durch Beobachten ihrer Kommunikation untereinander, kann sich der Mensch Respekt und Vertrauen mit dem Pferd erarbeiten. Unterwerfung und Gewalt sind hier fehl am Platz. Durch die Verwendung von Druck (nicht im physischen Sinne gemeint) und Entspannung, bei einer gewünschten Reaktion des Pferdes, hat das Pferd die Chance innerhalb seiner Möglichkeiten zu lernen. Die wichtigsten Eigenschaften die ein guter horseman hierfür mitzubringen hat, ist ein richtiges Gefühl für timing, viel Einfühlungsvermögen und Konsequenz.


Was diesen Freizeitreiter (oberes Bild) und dieser ambitionierten Turnierreiterin (unteres Bild) verbindet, ist eine funktionierende und vertrauensvolle Mensch- Pferd Beziehung. Dadurch wird ein harmonisches Miteinander möglich. Natural horsemanship kann diese Basis schaffen, unabhängig davon welche Ziele man mit seinem Pferd später verfolgt. Fotos: Archiv/Marianne Schimon

Für wen ist natural horsemanship gut?

Da natural horsemanship keine Reitlehre ist oder sich in irgendeine Reitweise eingliedern lässt, sollte es grundsätzlich für jedermann, der eine Beziehung mit einem Pferd eingeht, Grundlage sein. Ob Turnierreiter, Freizeitreiter oder Kinderponybesitzer, mit den Prinzipien des natural horsemanship lassen sich viele der geläufigen Missverständnisse zwischen Mensch und Pferd klären und gefährliche Situationen oder Unfälle vermeiden. Pferde, die sich nicht verladen lassen, nicht ruhig stehen bleiben können, wenn der Reiter aufsteigen will, Pferde, die ihre Hufe nicht heben oder ihren Reiter vom Weg abdrängen, das kommt doch fast jedem Reiter aus eigener Erfahrung oder durch Beobachtung bekannt vor. Respekt, Vertrauen und eine gesunde Pferd- Mensch Beziehung könnten in solchen Fällen wahre Wunder bewirken.

Aber wie soll man sich nun an dieses so umfangreiche Thema heranwagen und bleibt da noch die Frage zu klären, steckt denn wirklich in jedem von uns ein guter horseman?

Der eigene Weg zählt

Mehr als in vielen anderen Disziplinen ist es vor allem im horsemanship wichtig an sich selbst zu arbeiten. Es ist vielmehr als Training für den Menschen zu verstehen, als als Training für das Pferd. Durch Beobachtung des Pferdes in der Herde, seines Verhaltens anderen Artgenossen gegenüber, durch Wahrnehmung seiner Verhaltensweisen bei Stress, Frust oder Langeweile, kann man schon ein gutes Fundament für eine funktionierende Beziehung schaffen. Jedes Pferd ist anders und natürlich auch jeder Reiter, so muss jedes Pferd- Reiter Paar seinen ganz eigenen Weg gehen, um zu einer harmonischen Beziehung zu kommen. Wer Augen und Ohren offen hält und sich immer wieder mit den Ideen und Methoden der großen horseman auseinandersetzt, wird am meisten profitieren und seinem Verständnis für die Psyche des Pferdes enorm weiterhelfen. Setzen nicht sofort die erhofften Erfolge ein oder ist man sogar dem Hohn anderer Stallkollegen ausgesetzt, so sollte man nicht die Flinte voreilig ins Korn werfen- auch hier gilt: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. In jedem von uns steckt das Potential zu einem guten horseman und wenn man mal nicht weiß, ob man seine Sache gut gemacht hat, dann sollte man einfach auf das Pferd achten, es wird einem zeigen wie gut die Partnerschaft tatsächlich ist.

Buch, DVD oder doch Kurs?

Je nachdem welcher Lerntyp man ist, werden sich manche Wissen aus dem Lesen von Lehrbüchern aneignen können, während andere unbedingt etwas sehen müssen und somit zu einer DVD greifen. Aber natürlich ist ein Kurs, eine Trainingsstunde oder ein Workshop eine tolle Möglichkeit sich von erfahrenen Pferdetrainern etwas abzuschauen und auf Fehler hingewiesen zu werden. Welchem Training man sich selbst verschreibt, bleibt Geschmackssache und sollte von jedem selbst beurteilt werden was am Besten passt.

Ob Seil, Knotenhalfter, Stick, Roundpen oder ähnliches, die grundlegenden Ideen hinter all den angebotenen Trainings bleiben die selben, und so kann man getrost einen Parelli Kurs, NHT Workshop oder Indianisches Pferdetraining besuchen, der Beziehung zum Pferd wird es immer gut tun- und das ist ja das Wichtigste.


Marianne Schimon

Veröffentlicht Montag, 2. Mai 2011 09:40 von IHEP-Redaktion

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